Totgeglaubte reiten länger
Die Initiative Reba Sí! versucht die Reitba 84 zu retten
„Wenn du feststellst, dass du ein totes Pferd reitest, solltest du absteigen!“ Diese alte Indianer-Weisheit scheint in Chemnitz an Gültigkeit verloren zu haben. Das Pferd, das ist die Reitbahnstraße 84 bzw. das Projekt Experimentelles Karree mit allem was dazu gehört. Am Sterben scheint es schon lange zu sein, das Todesurteil wurde spätestens im Januar dieses Jahres gefällt, als die GGG als Besitzer den Mietvertrag zum 30. Juni 2010 kündigte. Der ursprüngliche Mieter, der Verein „Wiederbelebung kulturellen Brachlandes e.V.“ (WkB), hat bereits seinen Auszug angekündigt und steht mit der GGG in Verhandlungen über ein Ausweichobjekt. Ist das Pferd also tot? Mitnichten, meint die kurz nach der Kündigung gegründete Initiative „Reba Sí!“.
Die von den beiden Vereinen ExKa und WkB unabhängige Gruppe vereint Künstler und Kulturschaffende aus Chemnitz. Ihr oberstes Ziel ist eine Weiternutzung des Gebäudes durch einen neuen Mietvertrag ab dem 01. Juli 2010. Bis dahin versucht die Initiative mit Kulturangeboten auf sich und die Problematik aufmerksam zu machen. Ende April findet eine Vernissage statt, ein Kunstfestival Anfang Juni wird zeigen, was in den vergangenen Jahren in der Reba entstanden ist. Außerdem soll eine „Selbsthilfegruppe GGG-Geschädigte“ all jene zusammenbringen, die schlechte Erfahrungen mit dem städtischen Großvermieter gemacht haben.
Warum sich die Initiative erst jetzt gegründet hat – diese Frage zu beantworten fällt auch Mitglied Georg Spindler schwer. Es sei schon tragisch, dass erst dann, wenn so ein Projekt in Gefahr ist, so viele Menschen aktiv werden. „Reba Sí!“ habe es aber vermocht, die Energie zu bündeln: „Die Bürgerschaft in Chemnitz hat immer ein bisschen mit dem Projekt sympathisiert – das war aber etwas wolkig. Wir wollten jetzt einfach mal die Solidarität konkretisieren.“
Mit in den Sattel genommen haben sie die Chemnitzer Stadtindianer, die über langjährige Erfahrung mit alternativen Wohnprojekten verfügen und vor allem technisches Know-how bezüglich der Instandsetzung von Gebäuden mitbringen. Ein Auszug kommt damit auf keinen Fall infrage, auch weil die Reba ein symbolisches Projekt für freie Kultur in Chemnitz geworden ist, erklärt Sören Gruner.
Breite Unterstützung und mehr Erfahrung – Georg Spindler sieht der Zukunft optimistisch entgegen. Zu den jeden Montag Abend stattfindenden Plena (Foto) kämen mehr und mehr Leute: „Wir haben eine kritische Masse erreicht. Wir hoffen, dass der Druck so groß wird, dass die Stadt sich nicht mehr verweigern kann.“
Die GGG wird sich davon wohl nicht beeinflussen lassen. Die Initiative „Reba Sí!“ ist dem Vermieter nur aus den Medien bekannt, berichtet Pressesprecher Erik Escher. Eine Weiternutzung des Gebäudes durch die Gruppe sei aber nicht möglich, da nach dem 30. Juni 2010 „jegliche Nutzung, unabhängig von Personen oder Initiativen, für die weitere Verwertung sprich Sanierung des Karrees beendet werden muss.“ Sollte eine Zwangsräumung anstehen, wüsste sich „Reba Sí!“ nach eigenen Angaben mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen zu helfen. Das tot(geglaubt)e Pferd, es galoppiert also wieder. www.reitbahnstrasse.de
erschienen im Heft 05/2010
Text / Foto: Benjamin Lummer





